Die Flucht
der deutschen Bevölkerung
aus Danzig-Westpreußen und Ostpommern

(Auszug aus: "Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße", herausgegeben vom ehemaligen Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte, Band I/1, Seiten 43E ff., Weltbild Verlag GmbH, Augsburg 1993)

Viele Flüchtlinge aus Ost- und Westpreußen haben sich durch die relativ friedlichen Verhältnisse, die in Danzig und Pommern während des Februar 1945 herrschten, verleiten lassen, in diesen Gebieten zu bleiben. Noch mehr gilt das für die einheimische Bevölkerung, von der nur sehr geringe Teile die noch bestehenden Verbindungen nach dem Westen benutzten, um mit der Bahn, zu Schiff oder im Treck in die Gebiete westlich der Oder zu gelangen. Erschwerend wirkte in dieser Beziehung, daß für ganz Pommern und das nördliche Westpreußen die Flucht der Bevölkerung von den Parteibehörden ausdrücklich verboten und teilweise sogar den aus dem Osten kommenden Trecks die Weiterfahrt in Pommern untersagt wurde. Infolgedessen hatte Anfang März, als der russische Großangriff auf Ostpommern und Danzig begann, die Bevölkerung dieser Gebiete keineswegs abgenommen, sondern war durch den Zuzug von Flüchtlingen noch um einige Hunderttausende vermehrt worden. Noch mindestens 2 ,5 Millionen Deutsche, davon über 25 Prozent Flüchtlinge, befanden sich im nördlichen Teil Westpreußens, im Raum um Danzig und in Ostpommern, und nur ein geringer Teil von ihnen vermochte nach Beginn des russischen Angriffs in den ersten Märztagen nach Westen über die Oder zu gelangen. Insgesamt lebten in Ostpommern und im Reichsgau Danzig-Westpreußen über 3 Millionen Deutsche, davon rund 900 000 in den Gebieten, die bis Ende Januar 1945 von russischen Truppen besetzt waren. Rechnet man, daß ca. 2-300 000 Flüchtlinge aus Ostpreußen, dem östlichen und südlichen Teil Westpreußens, dem Warthegau und den südlichen Kreisen Pommerns sich in dem während des Monats Februar noch unbesetzten Gebiet um Danzig und in Ostpommern aufhielten, so ergibt sich die Zahl von 2,5 Millionen als Mindestzahl für die Anfang März im unbesetzten Teil Pommerns und Danzig-Westpreußens befindlichen Deutschen.

In den letzten Februartagen begannen die sowjetischen Armeen - unterstützt von der 1. polnischen Armee - gleichzeitig in Westpreußen und in Ostpommern ihre entscheidenden Angriffe zur Gewinnung der Ostseeküste und zur Besetzung des Landes zwischen dem Unterlauf der Weichsel und dem Unterlauf der Oder. Von Süden nach Norden wurde innerhalb von knapp 14 Tagen ganz Ostpommern in Besitz genommen. Die zwei Hauptstöße der sowjetischen Truppen im Raum Ostpommerns führten einerseits aus dem Raum Friedeberg - Arnswalde nach der Odermündung bei Stettin und weiter nordwärts zur Ostseeküste bei Cammin und andererseits aus dem Raum Schneidemühl - Dt. Krone über Neustettin, Bublitz nach der Ostseeküste östlich Köslin. Beide Ziele wurden in kürzester Zeit erreicht, und damit entstand eine für die flüchtende Bevölkerung Pommerns fast aussichtslose Lage. Schon am 1. März standen russische Truppen östlich Köslin an der Ostseeküste, wodurch Ostpommern in zwei Teile gespalten und für alle östlich der Linie Neustettin - Köslin liegenden Kreise die Landverbindung nach Westen abgeschnitten war.




Indessen hatte sich im östlichsten Zipfel Pommerns eine Fluchtbewegung in entgegengesetzter Richtung vollzogen. Für die Bevölkerung der Kreise Rummelsburg, Bütow, Schlawe, Stolp und Lauenburg bestand, seitdem die Russen am 1. März die Ostsee bei Köslin erreicht hatten, keine Möglichkeit mehr, auf dem Landweg nach Westen zu gelangen. Und auch alle Flüchtlinge, die von Ostpreußen, Westpreußen oder Danzig her sich in diesem Gebiet auf dem Wege nach Westen befanden, mußten kehrtmachen und nach Osten auszuweichen versuchen. Denn den einzigen Ausweg konnten jetzt nur die pommerschen Häfen Stolpmünde und Leba und vor allem die Häfen von Gdingen und Danzig bieten. Da die sowjetischen Truppen gleichzeitig mit dem Angriff auf Pommern auch in Westpreußen nach Norden vorstießen und in die Kreise Konitz, Pr. Stargard und Berent eindrangen, wurde in den ersten Märztagen eine Massenflucht von Süden, Südwesten und Westen in den Raum um Danzig ausgelöst. Völlig rat- und hilflos irrte die mit ihren Fahrzeugen treckende bäuerliche Bevölkerung umher. In der Mehrzahl konnte sie sich nicht entschließen, die Trecks zu verlassen und sich von ihren letzten Habseligkeiten zu trennen, um noch über See zu entkommen. So wurden besonders in der Gegend von Stolp unzählige ostpreußische, westpreußische und pommersche Trecks von den sowjetischen Truppen überrollt. Da die Russen bereits am 5. März nach Bütow eindrangen, am 8. März Stolp und die Hafenstadt Stolpmünde besetzten und schon am 9. und 10. März auch Leba und Lauenburg erreichten und die Räumungserlaubnis für die Bevölkerung meist erst 24 Stunden vorher gegeben wurde, begann in diesen Tagen eine wilde überstürzte Flucht, mit Zügen, Kraftwagen und zu Fuß nach dem Gebiet von Danzig. Bald waren alle Straßen verstopft und in den ostpommerschen Kreisen Stolp und Lauenburg sowie in den westpreußischen Kreisen Neustadt und Karthaus entstand eine heillose Verwirrung. Einem sehr großen Teil der Bevölkerung des Landes sowie der Städte gelang es jedoch nicht mehr zu entkommen. Selbst dort, wo die Zeit noch ausgereicht hätte, hinderten entweder völlige Ermattung nach wochenlanger Flucht oder die Furcht vor dem gefahrvollen Seewege viele, die letzte Chance zu ergreifen. Die Versenkung mehrerer Flüchtlingsschiffe, vor allem der "Wilhelm Gustloff", die von Danzig kommend am 30. Januar vor Stolpmünde von russischen U-Booten versenkt worden war und über 5 000 Flücht-linge in der Ostsee begrub, schreckte manche Flüchtlinge von der Besteigung der Schiffe ab. In den Städten Stolp, Bütow, Lauenburg und in den Landgemeinden blieben viele Tausende zurück und erlebten bald die Schrecken des russischen Einmarsches. Von den kleinen pommerschen Häfen von Stolpmünde und Leba fuhren vor der Besetzung durch die Russen nur noch wenige Schiffe ab, und zahlreiche Flüchtlinge warteten vergeblich auf einen Abtransport nach dem Westen, bis die Russen von Land her diese Häfen in Besitz nahmen. Mit Ausnahme von Kolberg, das bis zum 18. März verteidigt wurde, war am 10. März ganz Ostpommern von der Roten Armee besetzt.

Der Ring um Danzig wurde inzwischen immer enger. In Gdingen und Danzig waren die Kais überfüllt von Menschen, die die Gefahr eines Seetransportes der Auslieferung an die Russen vorzogen und sehnlichst auf die Ankunft von Schiffen warteten. Aller verfügbare Schiffsraum wurde nach den Häfen von Danzig, Gdingen und Hela beordert, selbst in Pillau wurde der Abtransport von Flüchtlingen vorübergehend eingestellt, um vor der drohenden Einnahme Danzigs und Gdingens möglichst viele der Hunderttausende aus Ostpreußen, Westpreußen und Pommern abzutransportieren, die sich in dem Küstengebiet der Danziger Bucht, vor allem in Danzig selbst zusammengedrängt hatten. Täglich legten Transportschiffe in den Häfen von Danzig und Gdingen an und brachten Flüchtlinge nach dem Westen, doch immer noch strömten neue Menschen hinzu. So zogen, nachdem Mitte März die deutsche Bevölkerung von Gdingen fast restlos auf Schiffe verladen worden war, in den folgenden Tagen Flüchtlinge aus Westpreußen, Ostpreußen und Pommern in großer Zahl in die leer gewordenen Wohnungen ein. Am 22. März gelang den sowjetischen Truppen zwischen Danzig und Gdingen der Durchbruch an die Küste. Damit begann der Endkampf um diese beiden "Festungen".

Am 25. März wurden von Oxhöft, nördlich von Gdingen, als die Russen bereits in der Nähe waren, noch einmal ca. 35 000 Soldaten und Flüchtlinge in Booten und Pontons noch Hela übergeführt. Nur wenige Tausende blieben zurück.

Nachdem am 25. März die Hafenanlagen von Danzig und Gdingen gesprengt, der Schiffsverkehr eingestellt worden war, mußten viele Tausende in Danzig zurückbleiben, das am 27. März von den Russen besetzt wurde. Knapp eine halbe Million Menschen hatte sich in den Märzwochen in Danzig befunden, und höchstens die Hälfte von ihnen war in den letzten Tagen noch zu Schiff nach dem westlichen Reichsgebiet oder mit Fähren nach Hela gebracht worden. Ca. 200 000 Einheimische und Flüchtlinge, die in Danzig und in den Städten Zoppot und Gdingen Unterschlupf gesucht hatten, erlebten dort schreckensvolle Szenen beim Eindringen der sowjetischen Truppen, nachdem sie bereits Wochen schwerer Luftangriffe hinter sich hatten.

Nach dem Fall der Festung Danzig-Gotenhafen blieben bis zur Kapitulation des Reiches noch Hela und ein schmaler Küstenstreifen an der Weichselmündung bei Schiewenhorst als letzte Ausgangspunkte für den Seetransport von Flüchtlingen. Begünstigt durch ihre natürliche Lage konnten sich die beiden Plätze bis Kriegsende halten. Zehntausende von Flüchtlingen und Soldaten befanden sich in dem kleinen Raum an der Weichselniederung um Schiewenhorst und Nickelswalde, und sie wurden fast sämtlich im Lauf der Monate April/Mai mit Kähnen und Fähren nach Hela übergesetzt. Der in die Danziger Bucht hineinragende Zipfel der schmalen Nehrung mit dem Dorf und Hafen Hela wurde das Zentrum der letzten Seetransporte in den Monaten April/Mai 1945. Zu den über 100 000 Menschen, die bereits im März nach Hela gelangt waren, kamen im April noch 265 000 hinzu. Ständige russische Luftangriffe riefen nicht nur hohe Verluste unter den in Hela unvorstellbar dicht zusammengedrängten Soldaten und Zivilisten hervor, sondern erschwerten auch den Abtransport auf das äußerste. Es war eine beachtliche Leistung, daß es dennoch gelang, die überwiegende Zahl dieser Menschen über See nach Schleswig-Holstein oder Dänemark zu schaffen. Im Monat April allein waren es 387 000 Menschen, die Hela auf dem Seeweg verließen. Die letzten Schiffe mit 40 000 Soldaten und Flüchtlingen gingen am 6. Mai von Hela ab. 60 000 Menschen blieben zurück, die Mehrzahl von ihnen Angehörige der Wehrmacht.


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